Windenergie vor der Kehrtwende? Was jetzt auf Sachsen-Anhalt zukommen könnte

Die AfD hat die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt gewonnen. Ihr Wahlprogramm sieht einen kompletten Stopp des Windenergieausbaus vor. Was das für 26.000 Arbeitsplätze, die Wirtschaft sowie die Energieversorgung des Landes bedeutet, ist eine offene Frage.

Die Landtagswahl in Sachsen-Anhalt vom 6. September 2026 sorgte bundesweit für Aufsehen. Die AfD erzielte 43,8 Prozent der Stimmen und gewann damit 39 der 83 Mandate im Landtag, knapp verfehlt sie die absolute Mehrheit. Das BSW t zog mit 5,3 Prozent ebenfalls in den Landtag ein. Beide Parteien kommen zusammen auf 44 Sitze. Damit rückt eine inhaltliche Zusammenarbeit bei einzelnen Abstimmungen in den Bereich des Möglichen – auch in der Energiepolitik. Experten warnen, dass eine Regierungsbeteiligung der AfD den weiteren Erfolg der Energiewende massiv gefährden werde. Erneuerbare Energien sichern im Bundesland bereits 26.000 Arbeitsplätze und stehen für eine regionale Wertschöpfung von mehr als 170 Millionen Euro, wie die Frankfurter Rundschau berichtet.

Sachsen-Anhalt als Vorreiter der Energiewende

Sachsen-Anhalt gehörte zuletzt zu den aktivsten Bundesländern beim Ausbau Erneuerbarer Energien. Ende 2025 liefen dort rund 2.760 Windräder mit einer installierten Leistung von knapp 5,8 Gigawatt. Im vergangenen Jahr kamen netto 269 Megawatt hinzu. Der höchste Zuwachs seit einem Jahrzehnt.

Auch die Solarenergie wuchs deutlich: Die Photovoltaik-Anlagen im Land erreichten mit rund 5,8 Gigawatt eine ähnlich hohe Leistung wie die Windenergie. Im Jahr 2025 gingen mehr als 23.000 neue Solaranlagen ans Netz, darunter 88 Solarparks. Bereits 2023 deckten Erneuerbare Energien rechnerisch rund 83 Prozent des Bruttostromverbrauchs in Sachsen-Anhalt. Im Bundesschnitt lag dieser Wert bei rund 50 Prozent.

Was die AfD plant: Moratorium, Subventionsstopp, Atomkraft

Die AfD kündigte in ihrem Regierungsprogramm eine „energiepolitische Kehrtwende um 180 Grad“ an. Konkret will sie ein Windkraftmoratorium verhängen und bis auf Weiteres keine neuen Windräder mehr genehmigen. Subventionen und den Einspeisevorrang für Erneuerbare Energien will sie streichen. Solarparks auf Ackerflächen lehnt die Partei ebenso ab wie das bestehende Landesgesetz, das Kommunen finanziell an neuen Wind- und Solarparks beteiligt. Diese Zahlungen bezeichnet die AfD als Versuch, „widerspenstige Kommunen zu erpressen.“ Zudem steht die landeseigenene Energieagentur Lena auf der Streichliste.

Stattdessen setzt die Partei auf fossile Energieträger und Kernkraft. Das Braunkohlekraftwerk Schkopau, das nach geltendem Bundesrecht Ende 2034 stillgelegt werden muss, soll länger in Betrieb bleiben. Neue Gaskraftwerke sollen entstehen. Über den Bundesrat will die AfD außerdem ein Ende der Russland-Sanktionen erwirken und die noch intakte Leitung der Ostsee-Pipeline Nord Stream 2 nutzen. Den Wiedereinstieg in die Atomenergie strebt sie ebenfalls an, auch wenn das Land für diese Entscheidung (sowie andere) keine eigene Gesetzgebungskompetenz besitzt.

BSW: Ähnliche Positionen, aber kein vollständiger Bruch mit Erneuerbaren

Das Bündnis Sahra Wagenknecht vertritt in Teilen eine vergleichbare Linie. Es kritisiert den Ausstieg aus Erdgas und Kernenergie als übereilt, will die Braunkohle vorerst erhalten und neue Reaktortechnologien erforschen lassen. Wie die AfD verlangt es ein Ende der Russland-Sanktionen.

Einen Unterschied gibt es dennoch: Das BSW bezeichnet Erneuerbare Energien als „unverzichtbar.“ Wind- und Solarenergie soll „maßvoll, planvoll und versorgungssicher“ ausgebaut werden, begleitet vom Netzausbau und dem Aufbau von Speicherkapazitäten. Photovoltaik-Anlagen sollen vorrangig auf Dächern und versiegelten Flächen entstehen. Windräder im Wald und Solarparks auf Äckern lehnt die Partei ab. Das Erneuerbare-Energien-Gesetz will es jedoch ebenfalls abschaffen und die Förderung durch Investitionszuschüsse ersetzen. BSW-Spitzenkandidat Thomas Schulze zeigte sich offen für inhaltliche Gespräche mit der AfD und nannte „preiswerte Energie“ als ein gemeinsames Ziel beider Parteien.

Wie weit reicht der Einfluss des Landes?

Viele der geplanten Maßnahmen der AfD berühren Bundesrecht. Eine sofortige und vollständige Umkehr der Energiepolitik wäre rechtlich nicht ohne Weiteres umsetzbar. Das Windkraftmoratorium würde nach Einschätzung von Fachleuten mit geltendem Bundesrecht kollidieren.

Dennoch hat das Land erhebliche Einflussmöglichkeiten. Über die Regionalplanung, die Ausweisung von Flächen und Genehmigungsverfahren kann eine Landesregierung den Ausbau Erneuerbarer Energien deutlich verlangsamen. Landesförderprogramme lassen sich streichen. Über den Bundesrat können Initiativen auf Bundesebene angestoßen werden. Eine restriktive Verwaltungspraxis kann Projekte verzögern und das auch ohne direkte Gesetzesänderung.

Eine ungewisse Zukunft

Eine Abkehr von der Energiewende hätte für Sachsen-Anhalt nicht nur ökologische, sondern auch wirtschaftliche Folgen. Ein verlangsamter Ausbau erneuerbarer Energien könnte Investitionen bremsen, Arbeitsplätze gefährden und die regionale Wertschöpfung schwächen. Gleichzeitig dürfte ein grundlegender Kurswechsel auf politischen und gesellschaftlichen Widerstand stoßen.

Wie stark sich die Energiepolitik des Landes tatsächlich verändert, hängt daher nicht nur von möglichen Mehrheiten im Landtag ab, sondern auch davon, welche Maßnahmen rechtlich durchsetzbar sind und wie konsequent sie umgesetzt werden.

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