Wenn der Wind weht und die Politik auf der Bremse steht

Deutschland hat den Ausbau der Windenergie in den vergangenen Jahren deutlich vorangetrieben. Nun drohen zwei neue Gesetzespakete der Bundesregierung, diesen Kurs zu bremsen. Bundeswirtschaftsministerin Katherina Reiche (CDU) plant Änderungen am Erneuerbare-Energien-Gesetz (EEG), die Betreiber von Windparks vor erhebliche finanzielle Probleme stellen könnten. Auch im Bundestag regt sich Widerstand.

Im Herbst 2026 legte Bundeswirtschaftsministerin Reiche zwei Gesetzespakete vor: eine Reform des EEG und das sogenannte Netzpaket. Beide Vorhaben stießen auf deutliche Kritik in der Windenergiebranche. Bärbel Heidebroek, Präsidentin des Bundesverbands WindEnergie (BWE), warf der Bundesregierung vor, den Ausbau der Windenergie trotz gegenteiliger Ankündigungen auszubremsen, wie die Onlineausgabe der Tageszeitung berichtet. Anfang Oktober befassen sich Experten und Abgeordnete in Fachanhörungen mit den geplanten Änderungen. Die Abstimmung im Bundestag ist für Mitte Oktober 2026 vorgesehen.

Finanzielle Risiken für Windparks

Besonders umstritten ist der sogenannte Redispatch-Vorbehalt. Dabei geht es um Situationen, in denen das Stromnetz regional überlastet ist. Um das Netz zu stabilisieren, müssen Windräder dann vorübergehend ihre Leistung reduzieren oder vollständig vom Netz genommen werden. Dieses Verfahren wird als Redispatch bezeichnet.

Bisher erhalten Betreiber für solche netzbedingten Abschaltungen grundsätzlich einen finanziellen Ausgleich. Reiche will diese Entschädigung in bestimmten Regionen mit besonders hohen Netzengpässen künftig teilweise streichen. Heidebroek sieht darin eine Benachteiligung der Windenergiebranche. Aus ihrer Sicht würden Betreiber dafür bezahlen, dass der Ausbau der Stromnetze mit dem Ausbau der erneuerbaren Energien nicht Schritt gehalten habe.

Für einzelne Windparks könnten die geplanten Änderungen erhebliche Folgen haben. Nach Angaben der Branche drohten Einnahmeverluste von bis zu 20 Prozent. Einen entsprechenden Ausgleich soll es nicht geben. Damit könnten Projekte ihre Finanzierung verlieren, weil Banken die erwarteten Einnahmen nicht mehr als ausreichend sicher ansehen.

Weniger Leistung trotz voller Produktion

Auch das geplante Netzpaket sorgt für Kritik. Ein zentraler Punkt ist die sogenannte Wirkleistungsbegrenzung. Sie legt fest, wie viel Strom ein Windpark unter bestimmten Bedingungen tatsächlich ins Stromnetz einspeisen darf. Die Regelung soll ab 2027 gelten und könnte auch Projekte betreffen, die bereits nach den bisherigen gesetzlichen Rahmenbedingungen geplant und finanziert wurden.

Für die Betreiber ist das problematisch. Das EEG bildete bislang eine wichtige Grundlage für die Finanzierung von Windenergieanlagen, weil es über lange Zeiträume planbare Erlöse ermöglichte. Banken konnten ihre Kredite entsprechend kalkulieren.

Wenn sich diese Rahmenbedingungen nachträglich verändern, geraten solche Finanzierungsmodelle unter Druck. Die BEE-Präsidentin spricht deshalb von einer „absoluten Investitionsunsicherheit“. Ihrer Ansicht nach könnte die geplante Regelung Investitionen in neue Windenergieanlagen deutlich erschweren.

Batteriespeicher könnten Netzprobleme abfedern

Aus Sicht des BWE konzentriert sich die Bundesregierung zu stark auf Einschränkungen für Betreiber und zu wenig auf die eigentliche Ursache der Probleme: fehlende Netzkapazitäten. Eine mögliche Lösung sieht die Branche in Batteriespeichern, die direkt an Windparks angeschlossen werden. Muss ein Windpark wegen eines Netzengpasses seine Leistung reduzieren, könnte überschüssiger Strom zunächst gespeichert werden. Sobald wieder ausreichend Netzkapazität vorhanden ist, könnte der Strom eingespeist werden.

Ein solches System könnte mehrere Probleme gleichzeitig lösen. Es würde die Stromnetze entlasten und verhindern, dass erzeugter Windstrom ungenutzt bleibt. Gleichzeitig könnten Speicher neue Geschäftsmodelle ermöglichen und in bestimmten Situationen dazu beitragen, Strom günstiger verfügbar zu machen. Nach BWE-Angaben bestätigten Netzbetreiber, dass solche Lösungen technisch umsetzbar seien. Als wesentliche Hürde gelte vor allem der zusätzliche organisatorische Aufwand. An den rechtlichen Rahmenbedingungen ändere sich durch die geplante Reform jedoch wenig: Betreiber könnten überschüssigen Strom weiterhin nicht ohne Weiteres selbst nutzen oder zwischenspeichern.

Kritik am Gesetzgebungsverfahren

Heidebroek kritisiert nicht nur die geplanten Regelungen, sondern auch deren Entstehung. Nach ihrer Darstellung wurden Branchenverbände, Betreiber und Fachleute bei früheren Gesetzesvorhaben stärker eingebunden. Ihre praktischen Erfahrungen konnten dadurch in die Ausarbeitung neuer Regeln einfließen. Beim aktuellen Gesetzespaket sei die Windbranche dagegen nicht ausreichend beteiligt worden. Das Bundeswirtschaftsministerium habe die Entwürfe weitgehend selbst erarbeitet.

Dennoch sieht Heidebroek Anzeichen dafür, dass sich im politischen Raum etwas bewegt. In den vergangenen sechs Monaten habe sie mehr Gespräche mit Bundestagsabgeordneten geführt als je zuvor. Auch bei Parlamentariern wachse die Skepsis gegenüber Teilen des Gesetzespakets. Damit ist das letzte Wort offenbar noch nicht gesprochen. Ob die Kritik zu konkreten Änderungen an den Gesetzentwürfen führt, war zum Zeitpunkt der Berichterstattung allerdings noch offen.

Der Konflikt um die Windenergie geht zudem über wirtschaftliche und energiepolitische Fragen hinaus. Vor allem die AfD nutzt Windenergieanlagen zunehmend als Symbol im politischen Kulturkampf. AfD-Chefin Alice Weidel hatte angekündigt, ihre Partei werde im Fall einer Regierungsbeteiligung Windräder zurückbauen lassen. BWE-Präsidentin Heidebroek sieht darin vor allem politisches Kalkül. Windenergie lasse sich leicht mit Debatten über eine vermeintliche „linksgrüne“ Politik verbinden und dadurch grundsätzlich infrage stellen. Dabei gerieten die wirtschaftlichen Folgen eines geringeren Ausbaus schnell aus dem Blick.

Windenergie als Wirtschaftsfaktor

Windenergie ist inzwischen eine der wichtigsten Säulen der deutschen Stromversorgung. Besonders für strukturschwächere Regionen kann der weitere Ausbau wirtschaftliche Chancen eröffnen. Sachsen-Anhalt ist dafür ein Beispiel. Das Bundesland verfügte bereits über rund sieben Gigawatt installierte Windenergieleistung. Weitere 2,3 Gigawatt befanden sich in der Planung. Von neuen Windparks profitieren dabei nicht nur die Betreiber und Anleger. Kommunen können zusätzliche Gewerbesteuereinnahmen erzielen. Gleichzeitig kann günstiger erneuerbarer Strom ein Standortvorteil für Unternehmen und neue Industrieansiedlungen sein.

Deshalb mehr auf dem Spiel als die Frage, wie viele Windräder künftig gebaut werden. Es geht auch darum, welche wirtschaftlichen Perspektiven Regionen durch den Ausbau erneuerbarer Energien erhalten.Ob die Bundesregierung mit ihrer EEG-Reform tatsächlich für mehr Netzstabilität und Planungssicherheit sorgt oder den Ausbau der Windenergie ausbremst, dürfte sich in den kommenden Wochen entscheiden.

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